Archiv der Kategorie 'Stellen'

15
Jul
09

Von der Liebe

 

 Dann sprich zu uns von der Liebe, sagte Almitra.

Er hob den Kopf und sah auf die Menschen, und Schweigen senkte sich über sie. Und er setzte mit lauter Stimme an:

 

“Wenn die Liebe euch ruft, folgt ihr,

Wenngleich ihre Wege steinig und steil sind.

Und wenn sie euch umfängt, ergebt euch,

Auch wenn das Schwert, das ihre Umarmung birgt, euch verwundet.

Glaubt ihr, wenn sie zu euch spricht,

Wenngleich ihre Stimme eure Träume zerschmettern mag wie der Nordwind, der den Garten verwüstet.

 

Denn ebenso, wie die Liebe euch krönt, so wird sie euch kreuzigen.

Sie fördert euer Wachstum, aber sie stutzt euch auch zurecht.

Wie sie sich bis zu euren Wipfeln hinaufschwingt und eure zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne beben,

So steigt sie auch zu euren Wurzeln hinab und rüttelt sie, wo sie sich and den Boden klammern.

Wie Korngarben sammelt sie euch.

Sie drischt euch, um euch zu entblössen,

Sie siebt euch, um euch von der Spreu zu befreien,

Sie mahlt euch zu blütenweissem Staub.

Die Liebe knetet euch, bis ihr gefügig seid,

Und überantwortet euch dann ihrem heiligen Feuer, auf dass ihr heiliges Brot zu Gottes heiligem Festmahl werdet.

 

All dies tut die Liebe mit euch, damit ihr die Geheimnisse eures Herzens erkennt und in diesem Wissen Anteil am Herzen des Lebens selbst habt.

 

Aber wenn ihr aus Furcht vor der Liebe in ihr nur Frieden und Wollust sucht,

Dann solltet ihr eure Blösse bedecken und von der Dreschtenne der Liebe

In die Welt ohne Jahreszeiten ziehen, wo ihr lachen werdet, aber nicht aus vollem Herzen, und weinen, aber nicht aus tiefster Seele

 

 

Die Liebe gibt nichts als sich selbst und schöfpt nur aus sich selbst.

Sie strebt nicht nach Besitz, noch will sie selbst Besitz sein,

Denn die Liebe ist sich selbst genug.

 

Wenn ihr liebt, sollt ihr nicht sagen :>Gott ist in meinem Herzen<, sondern >ich bin im Herzen Gottes.<

Und glaubt nicht, ihr könntet den Lauf der Liebe lenken, denn wenn die Liebe euch für würdig erachtet, bestimmt sie euren Weg.

 

Die Liebe kennt keine andere Sehnsucht, als sich selbst zu erfüllen.

Doch wenn ihr liebt und das Wünschen nicht lassen könnt, dann strebt nach folgendem:

Dahinzuschmelzen und zu einem leise dahinplätschernden Bach zu weden, der in der Nacht sein Lied singt.

Den Schmerz übergrosser Zärtlichkeit zu erfahren.

Verwundet zu werden durch das Verstehen der Liebe

Und willig und freudig zu bluten.

Beim Morgengrauen mit beschwingtem Herzen zu erwachen und zu danken für einen weiteren Tag der Liebe,

Zur Mittagsstunde zu rasten und über die Verzükung der Liebe zu sinnen,

Des Abends voller Dankbarkeit heimzukehren,

Und dann zu schlummern, ein Gebet für das geliebte Wesen im Herzen und ein Loblied auf den Lippen.”

 

Khalil Gibran

Der Porphet

1923

12
Jul
09

Manche Bücher müssen gekostet werden,

manche verschlingt man,

und nur einige wenige kaut man

und verdaut sie ganz.

 

Cornelia Funke

Tintenherz

12
Jul
09

Dann sprach Almitra abermals und sagte:
»Und was ist mit der Ehe, Meister?«
Und er antwortete und sprach:

Ihr wurdet zusammen geboren,
und ihr werdet auf immer zusammen sein.
Ihr werdet zusammen sein,
wenn die weißen Flügel des Todes
eure Tage scheiden.
Ja, ihr werdet selbst im stummen
Gedenken Gottes zusammen sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.
Lasst die Winde des Himmels
zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht
die Liebe nicht zur Fessel:
lasst sie eher ein wogendes Meer
zwischen den Ufern eurer Seelen sein.

Füllt einander den Becher,
aber trinkt nicht aus einem Becher.
Gebt einander von eurem Brot,
aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich,
aber lasst jeden von euch allein sein,
so wie die Saiten einer Laute allein sind
und doch von derselben Musik erzittern.

Gebt einander eure Herzen,
aber nicht in des anderen Obhut,
denn nur die Hand des Lebens
kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:
denn die Säulen des Tempels stehen für sich,
und Eichbaum und Zypresse
wachsen nicht im Schatten des anderen.

Khalil Gibran

Der Prophet

1923

09
Mai
08

doch heimlich dürsten wir …

Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.

- aus “Das Glasperlenspiel” von Hermann Hesse

02
Apr
08

fänger im roggen

Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand vor einem Abgrund stehen. Ich müßte alle fangen, die über den Rand hinauslaufen wollen – ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müßte ich vorspringen und sie festhalten. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach so ein Wächter im Roggen. Ich weiß schon, daß das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.

- J. D. Salinger aus “Der Fänger im Roggen”

02
Apr
08

entscheidungen

Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung richtig ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch Skizze ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild.

- Milan Kundera aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”

31
Mar
08

gefallene engel

Warum sind uns Bürden auferlegt?
Wir der Zeit ausgesetzt?
Dem schreienden Grauen des Geborenwerdens un dem unerträglich Ausgeliefertsein an den verheissenden Tod?
Und warum?

Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: “Der Himmel ist herrlich, nur müsste es ihn auch geben.”, und deshalb gleich fielen?

Aber kannst du dich erinnern, kann ich mich erinnern, so etwas gesagt zu haben?

- Jack Kerouac aus “Desolation Angels”

20
Feb
08

Vergangenheit der Gefühle

Doch aus der Sicht des eigenen Inneren verhält es sich ganz anders. Da sind wir nicht auf unsere Gegenwart beschränkt, sondern weit in die Vergangenheit hinein asugebreitet. Das kommt durch unsere Gefühle, namentlich die tiefen, also diejenigen, die darüber bestimmen wer wir sind und wie es ist, wir zu sein. Denn diese Gefühle kennen keine Zeit, sie kennen sie nicht, und sie anerkennen sie nicht.

Pascal Mercier “Nachtzug nach Lissabon”

08
Feb
08

Werther

Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufbringen, um es loszuwerden.

- Goehte, aus “Die Leiden des jungen Werthers”

31
Jan
08

Karenins Lächeln

“Karenin gebar zwei Hörnchen und eine Biene. Verdutzt schaute er auf seine wunderliche Nachkommenschaft. Die Hörnchen verhielten sich ruhig, die Biene aber torkelte benommen umher; dann flog sie in die Höhe und verschwand.”

aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” von Milan Kundera




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