Archiv der Kategorie 'Stellen'

09
Mai

doch heimlich dürsten wir …

Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.

- aus “Das Glasperlenspiel” von Hermann Hesse

02
Apr

fänger im roggen

Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe - kein Erwachsener, meine ich - außer mir. Und ich würde am Rand vor einem Abgrund stehen. Ich müßte alle fangen, die über den Rand hinauslaufen wollen - ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müßte ich vorspringen und sie festhalten. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach so ein Wächter im Roggen. Ich weiß schon, daß das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.

- J. D. Salinger aus “Der Fänger im Roggen”

02
Apr

entscheidungen

Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung richtig ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch Skizze ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild.

- Milan Kundera aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”

31
Mär

gefallene engel

Warum sind uns Bürden auferlegt?
Wir der Zeit ausgesetzt?
Dem schreienden Grauen des Geborenwerdens un dem unerträglich Ausgeliefertsein an den verheissenden Tod?
Und warum?

Weil wir gefallene Engel sind, die im Himmel sagten: “Der Himmel ist herrlich, nur müsste es ihn auch geben.”, und deshalb gleich fielen?

Aber kannst du dich erinnern, kann ich mich erinnern, so etwas gesagt zu haben?

- Jack Kerouac aus “Desolation Angels”

20
Feb

Vergangenheit der Gefühle

Doch aus der Sicht des eigenen Inneren verhält es sich ganz anders. Da sind wir nicht auf unsere Gegenwart beschränkt, sondern weit in die Vergangenheit hinein asugebreitet. Das kommt durch unsere Gefühle, namentlich die tiefen, also diejenigen, die darüber bestimmen wer wir sind und wie es ist, wir zu sein. Denn diese Gefühle kennen keine Zeit, sie kennen sie nicht, und sie anerkennen sie nicht.

Pascal Mercier “Nachtzug nach Lissabon”

08
Feb

Werther

Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufbringen, um es loszuwerden.

- Goehte, aus “Die Leiden des jungen Werthers”

31
Jan

Karenins Lächeln

“Karenin gebar zwei Hörnchen und eine Biene. Verdutzt schaute er auf seine wunderliche Nachkommenschaft. Die Hörnchen verhielten sich ruhig, die Biene aber torkelte benommen umher; dann flog sie in die Höhe und verschwand.”

aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” von Milan Kundera




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