Archiv der Kategorie 'Lyrik'

06
Jun
11

Gegenüber von Afrika.

Heimat haben ist gut,
Süß der Schlummer unter eigenem Dach,
Kinder, Garten und Hund. Aber ach,
Kaum hast du vom letzten, Wandern geruht,
Geht dir die Ferne mit neuer Verlockung nach.
Besser ist Heimweh leiden
Und unter den hohen Sternen allein
Mit seiner Sehnsucht sein.
Haben und rasten kann nur der,
Dessen Herz gelassen schlägt,
Während der Wandrer Mühsal und Reisebeschwer
In immer getäuschter Hoffnung trägt.
Leichter wahrlich ist alle Wanderqual,
Leichter als Friedefinden im Heimattal,
Wo in heimischer Freuden und Sorgen Kreis
Nur der Weise sein Glück zu bauen weiß.
Mir ist besser, zu suchen und nie zu finden,
Statt mich eng und warm an das Nahe zu binden,
Denn auch im Glücke kann ich auf Erden
Doch nur ein Gast und niemals ein Bürger werden.

[Hermann Hesse]

08
Mar
10

freuden des jungen werthers

Ein iunger Mensch ich weiss nicht wie
Starb einst an der Hypochondrie.
Und ward denn auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbey
Der hatte seinen Stuhlgang frey
Wie’s denn so Leute haben.
Der sezt nothdürftig sich auf’s Grab,
Und legte da sein Häuflein ab,
Beschaute freundlich seinen Dreck,
Ging wohl erathmet wieder weg,
und sprach zu sich bedächtiglich:
“Der gute Mensch wie hat er sich verdorben!
Hätt er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!”

- Johann Wolfgang Goethe

26
Jul
09

Es kann die Ehre dieser Welt
  Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
  Muss in dir selber leben.

Wenn’s deinem Innersten gebricht
  An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
  Ist all dir wenig nütze.

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
  Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
  Vor dir bestehen können.

 

Theodor Fontane

26
Jul
09

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand
- Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, dass es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:

Denn beide bebten sie so sehr,
Dass keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte

 

Hugo von Hofmannsthal

15
Apr
09

blut

Komm wir schauen wie Blut fließt
Liebste

Dies eine Mal im Leben
Ist es nicht Menschenblut das fließt
Dies eine Mal auf der Straße
ist es nicht Tierblut das fließt

Komm wir schauen wie Blut fließt
Liebste
Es ist die Sonne die untergeht.

- Georges Castera

19
Feb
09

wer nichts weiss…

Wer nichts weiss, liebt nichts.
Wer nichts tun kann, versteht nichts.
Wer nichts versteht, ist nichts wert.
Aber wer versteht,
der liebt, bemerkt und sieht auch…
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt,
desto grösser ist die Liebe…
Wer meint, alle Früchte
würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif,
versteht nichts von den Trauben.

- Paracelsus

14
Feb
09

sie mochte orangen

sie mochte orangen
einmal sagte sie ihm
dass ihr eine halbe orange
ganz und gar nicht reicht
deshalb schälte sie eine
nur für ihn

er merkte sich alles
am ersten morgen
schälte er eine orange
zerteilte die spalten
auf einem teller vor ihr
und sagte
das ist dein frühstück

sie war verschlafen
deshalb
verwirrte er sie kaum
der mangel an symmetrie

der mangel
an symmetrie

- Galina Nikolova

15
Jan
09

18. Mai 1936

das Aroma der Blüten vom abgerissenen Zweig des Zitronenbaums lässt seine Form in der hohlen Hand versteinern die an der Schläfe lehnt in der Hitze des Malvenrots das die Wange birgt und richtet seinen Stachel im linken Nasenflügel des Mädchens in der Ferne auf ihren Traum

- Pablo Picasso

17
Jun
08

vergnügen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
(Brecht um 1954)

26
Mai
08

leben

wie ein wasserfall der horizontale
falle ich, falle in die tiefe der zeit.

oben und vorne, unten und hinten
kaum spürbar im rollenden getöse.

meine absicht gerissen in schwindelnde ferne,

wollte ich doch springen, tauchen in
grenzenlose tiefen, suchen und finden.

welche farbe hat die freiheit?

salzig schmeckt das wasser,
melancholisch meine süssen tränen.

wer fängt mich auf?

- P. Cristien




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