Archiv der Kategorie 'Lyrik'

17
Jun

vergnügen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
(Brecht um 1954)

26
Mai

leben

wie ein wasserfall der horizontale
falle ich, falle in die tiefe der zeit.

oben und vorne, unten und hinten
kaum spürbar im rollenden getöse.

meine absicht gerissen in schwindelnde ferne,

wollte ich doch springen, tauchen in
grenzenlose tiefen, suchen und finden.

welche farbe hat die freiheit?

salzig schmeckt das wasser,
melancholisch meine süssen tränen.

wer fängt mich auf?

- P. Cristien

09
Mai

zu guter Letzt

Als Kind wusste ich:
jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muss keines mehr sterben
alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
das ist Unsinn
keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?

- Erich Fried

09
Mai

doch heimlich dürsten wir …

Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.

- aus “Das Glasperlenspiel” von Hermann Hesse

09
Mai

kennst du das auch?

Kennst du das auch, daß manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt?

Dann legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Herzweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt - Kennst du das auch?

- Hermann Hesse

08
Mai

selbstversuch - whisky

whisky mit deinem braunen bauch und deinem
hartholzharzgestänge sprichst du vom fass zum
bier zu mir dein klares bernsteingesumme sticht
mitten ins migränegeviert krieche whisky krieche
du wirst mich nicht kriegen du beerdigst gut und
machst dich schlecht auf hochzeiten lieber whisky
ich nehme noch einmal noch einen zug gebe dir
mein fieber so wärmt mich deine schläfenzange
du kannst die kornfelder die köhler das waldfinster
gummibitteres feuer glüht noch langsam aus in
dir mitten im beige wo der zucker begraben liegt

- Raphael Urweider

audio by lyrikline.org

06
Mai

drei wochen später

Als ich von einer Reise zurückkehrte
und meine Wohnung aufschloss,
stand auf dem Tisch jener Aschenbecher,
den ich auszuleeren versäumt hatte. -
So etwas lässt sich nicht nachholen.

- Günter Grass

06
Mai

Wandlung

Plötzlich waren die Kirschen da,
obgleich ich vergessen hatte,
dass es Kirschen gibt
und verkünden liess: Noch nie gab es Kirschen -
waren sie da, plötzlich und teuer.

Pflaumen fielen und trafen mich.
Doch wer da denkt,
ich wandelte mich,
weil etwas fiel und mich traf,
wurde noch nie von fallenden Pflaumen getroffen.

Erst als man Nüsse in meine Schuhe schüttete
und ich laufen musste,
weil die Kinder die Kerne wollten,
schrie ich nach Kirschen, wollt ich von Pflaumen
getroffen werden - und wandelte mich ein wenig.

- Günter Grass

29
Apr

flüchtige wie die Jahre

Nur durch das Sparen kann man die Zeit festhalten.
Ein Tag, ein Peso.
Was man heute nicht ausgibt, gibt man morgen aus.
Der Ertrag des Sparens verwandelt sich nie in einen Zeitgewinn. Die Menge an Zeit verändert sich nicht. Man kann sie ausgeben oder für die Zukunft bewahren.
Die Lust besteht aus gelebter Zeit.
Das Sparen ist der Feind der Lust.
Die Finanzplanung bringt die Menschen dem Tod näher, beschränkt ihre Erfahrungen auf das Gebiet der Spekulation und trennt die Begierden vom Alltag. Die Menschen sterben jünger als je zuvor. Als Hinterlassenschaft bekommen die Überlebenden die Feigheit gespritzt, nicht nachgegeben zu haben.
Geld erzeugt Einsamkeit.
Es gibt zwei Klassen von Kreuzfahrtschiffen für Singles: die einen werden von Liebhabern der spielerischen Annäherung und die anderen von denen der körperlichen Ertüchtigung bevorzugt. Überseedampfer gibt es keine mehr: Der Anfangsimpuls, den die Passagiere früher mehrere Wochen lang hüteten, hat sich mit den Jahrzehnten verflüchtigt und auf Generationen verteilt.
Wird gefickt?
Die Nächsten werden Joystick sein!
Mich erregen nur noch Gewalt und Perversion.

Ezequiel Alemian

28
Apr

selbstversuch - tequilla

tequilla tisch und glas und schlund und magen
salz und saures mescalmuskeln horizont in der
totale kampfgeist faustkeil durch die därme schlägst
von stock zu stockwerk wärme hitze trocken
übermütig danke gleichfalls zwangsernährung untier
wurm parasitärer machst das lachen wieder wütig
und die wangen krampfen ziehen ins gefecht
gedanken fliehen morgen ist kein tag das sofa
nagelbrett als ruhestätte keine fragen keine sorgen
überleben wagemutig und die leber spürt man
nie mehr nur kakteen wind kakteen sind kakteen

Raphael Urweider

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