Archiv der Kategorie 'Lyrik'

26
Jul
09

Es kann die Ehre dieser Welt
  Dir keine Ehre geben,
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
  Muss in dir selber leben.

Wenn’s deinem Innersten gebricht
  An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
  Ist all dir wenig nütze.

Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
  Magst du dem Eitlen gönnen;
Das aber sei dein Heiligtum:
  Vor dir bestehen können.

 

Theodor Fontane

26
Jul
09

Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand
- Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, dass es zitternd stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:

Denn beide bebten sie so sehr,
Dass keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte

 

Hugo von Hofmannsthal

15
Apr
09

blut

Komm wir schauen wie Blut fließt
Liebste

Dies eine Mal im Leben
Ist es nicht Menschenblut das fließt
Dies eine Mal auf der Straße
ist es nicht Tierblut das fließt

Komm wir schauen wie Blut fließt
Liebste
Es ist die Sonne die untergeht.

- Georges Castera

19
Feb
09

wer nichts weiss…

Wer nichts weiss, liebt nichts.
Wer nichts tun kann, versteht nichts.
Wer nichts versteht, ist nichts wert.
Aber wer versteht,
der liebt, bemerkt und sieht auch…
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt,
desto grösser ist die Liebe…
Wer meint, alle Früchte
würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif,
versteht nichts von den Trauben.

- Paracelsus

14
Feb
09

sie mochte orangen

sie mochte orangen
einmal sagte sie ihm
dass ihr eine halbe orange
ganz und gar nicht reicht
deshalb schälte sie eine
nur für ihn

er merkte sich alles
am ersten morgen
schälte er eine orange
zerteilte die spalten
auf einem teller vor ihr
und sagte
das ist dein frühstück

sie war verschlafen
deshalb
verwirrte er sie kaum
der mangel an symmetrie

der mangel
an symmetrie

- Galina Nikolova

15
Jan
09

18. Mai 1936

das Aroma der Blüten vom abgerissenen Zweig des Zitronenbaums lässt seine Form in der hohlen Hand versteinern die an der Schläfe lehnt in der Hitze des Malvenrots das die Wange birgt und richtet seinen Stachel im linken Nasenflügel des Mädchens in der Ferne auf ihren Traum

- Pablo Picasso

17
Jun
08

vergnügen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.
(Brecht um 1954)

26
Mai
08

leben

wie ein wasserfall der horizontale
falle ich, falle in die tiefe der zeit.

oben und vorne, unten und hinten
kaum spürbar im rollenden getöse.

meine absicht gerissen in schwindelnde ferne,

wollte ich doch springen, tauchen in
grenzenlose tiefen, suchen und finden.

welche farbe hat die freiheit?

salzig schmeckt das wasser,
melancholisch meine süssen tränen.

wer fängt mich auf?

- P. Cristien

09
Mai
08

zu guter Letzt

Als Kind wusste ich:
jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muss keines mehr sterben
alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
das ist Unsinn
keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?

- Erich Fried

09
Mai
08

doch heimlich dürsten wir …

Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.

- aus „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse




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