Archiv für April 2008

29
Apr

flüchtige wie die Jahre

Nur durch das Sparen kann man die Zeit festhalten.
Ein Tag, ein Peso.
Was man heute nicht ausgibt, gibt man morgen aus.
Der Ertrag des Sparens verwandelt sich nie in einen Zeitgewinn. Die Menge an Zeit verändert sich nicht. Man kann sie ausgeben oder für die Zukunft bewahren.
Die Lust besteht aus gelebter Zeit.
Das Sparen ist der Feind der Lust.
Die Finanzplanung bringt die Menschen dem Tod näher, beschränkt ihre Erfahrungen auf das Gebiet der Spekulation und trennt die Begierden vom Alltag. Die Menschen sterben jünger als je zuvor. Als Hinterlassenschaft bekommen die Überlebenden die Feigheit gespritzt, nicht nachgegeben zu haben.
Geld erzeugt Einsamkeit.
Es gibt zwei Klassen von Kreuzfahrtschiffen für Singles: die einen werden von Liebhabern der spielerischen Annäherung und die anderen von denen der körperlichen Ertüchtigung bevorzugt. Überseedampfer gibt es keine mehr: Der Anfangsimpuls, den die Passagiere früher mehrere Wochen lang hüteten, hat sich mit den Jahrzehnten verflüchtigt und auf Generationen verteilt.
Wird gefickt?
Die Nächsten werden Joystick sein!
Mich erregen nur noch Gewalt und Perversion.

Ezequiel Alemian

28
Apr

selbstversuch - tequilla

tequilla tisch und glas und schlund und magen
salz und saures mescalmuskeln horizont in der
totale kampfgeist faustkeil durch die därme schlägst
von stock zu stockwerk wärme hitze trocken
übermütig danke gleichfalls zwangsernährung untier
wurm parasitärer machst das lachen wieder wütig
und die wangen krampfen ziehen ins gefecht
gedanken fliehen morgen ist kein tag das sofa
nagelbrett als ruhestätte keine fragen keine sorgen
überleben wagemutig und die leber spürt man
nie mehr nur kakteen wind kakteen sind kakteen

Raphael Urweider

audio by lyrikline.org

28
Apr

selbstversuch - vodka

vodka du klare niederlage du eisgekühlte vertikale
spiegelglatte meerillusion du reis weizen grundkorn
versorgungsfutteral du mein mann nimmt noch einen
hat eisendraht im oberstübchen gnadenbrot und zucker
mein seegang so hell noch nie gewankt die schläfen
sonnig das gleichgewicht bleibt sitzen während das
pissen stehend im oberleib schmerzt lustig eigentlich
so eine niederlage schräglage bodenlose blödigkeit
ein zustand der kurz gefasst nur ungetrübt heißen mag

Raphael Urweider

audio by lyrikline.org

28
Apr

weisse boote

Doch die Seele schwimmt allein wie freie Boote

Im Ozean. Es erreicht sie keine Nachricht
Von hier, kein Brief. Nur die Wellen und der Gesang
Des Rasenden Windes. Kein Lichtblick, keine Sicht
Allein ein mattes Heranwehen nächtelang

Im Dämmerlicht, es schenkt uns endlich an einem Ort
Hoffnung. Hinter dunklen Gewässern, allmählich Strand,
Reift Hoffnung heran, und vielleicht dort,
Erwartet uns, längst vergessen, das Festland…

In der Wirklichkeit versinkt im Nebel das Herz
In der Vergessenheit, im Stöhnen des Wacholders, wohlbedacht
Farblos, verloren, grau, voll Schmerz,
Gleiten die weißen Boote durch die Nacht

Igar Babkou

02
Apr

fänger im roggen

Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem großen Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe - kein Erwachsener, meine ich - außer mir. Und ich würde am Rand vor einem Abgrund stehen. Ich müßte alle fangen, die über den Rand hinauslaufen wollen - ich meine, wenn sie nicht achtgeben, wohin sie rennen, müßte ich vorspringen und sie festhalten. Das wäre alles, was ich den ganzen Tag lang tun würde. Ich wäre einfach so ein Wächter im Roggen. Ich weiß schon, daß das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.

- J. D. Salinger aus “Der Fänger im Roggen”

02
Apr

entscheidungen

Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung richtig ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch Skizze ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild.

- Milan Kundera aus “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”




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