11
Feb
08

stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

- Hermann Hesse


3 Antworten zu “stufen”


  1. 1 Anja Februar 21, 2008 um 6:37 Uhr nachmittags

    “Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
    Bereit zum Abschied sein und Neubeginne”

    Doch sind unsere Gefühle, namentlich die tiefen, also diejenigen die bestimmen wer wir sind, in die Vergangenheit ausgebreitet (Pascal Mercier)
    An all den Orten und Menschen welche ich geliebt habe bleibt ein Stück meines Herzens oder besser sie in ihm. Der Abschiedsschmerz ist nicht etwas überflüssiges oder schlechtes und erst recht nicht unedel. Er bedeutet doch, dass ich etwas hatte oder getan habe, was mir zu Herzen gegangen ist und mich verändert hat und dass ich traurig bin es zu verlassen heisst nicht dass ich nicht dem Lebensrufe folgen werde. Immer bereit zum Abschied zu sein, heisst doch auch sich nie wirklich hinzugeben und fallen zu lassen. Abschied von wichtigen und schönen Dingen ist schmerzhaft und nicht einfach. Ihn als selbstverständlich zu sehen, nimmt den schönen vergangenen Dingen den Zauber und macht die Neuen wertlos, denn ohne die Überwindung etwas zu verlassen und die Entscheidung für das Neue, ist das Leben nur eine einfache Abfolge äusserer Einflüsse.

  2. 2 Anja Februar 21, 2008 um 7:06 Uhr nachmittags

    “Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
    Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
    Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern”

    Jugend ist kein Lebensabschnitt - sie ist eine Geisteshaltung, sie ist die Beschaffenheit der Willenskraft, eine Eigenschaft der Phantasie, die Kraft der Gefühle, der Sieg des Mutes über die Ängstlichkeit und der Abenteuerlust über die Bequemlichkeit. Niemand wird alt, nur weil er eine bestimmte Anzahl von Jahren gelebt hat.

    Die Menschen werden alt, wenn sie ihre Ideale aufgeben. Wenn wir unsere Begeisterungsfähigkeit verlieren, bekommt unsere Seele Falten.

    CPOA Newsletter Kapstadt

  3. 3 buchhälter März 15, 2008 um 2:56 Uhr nachmittags

    Es geht in dem Gedicht, meiner Meinung nach, mehr um eine philosophisch spirituelle Weltanschauung, die wahrscheinlich durch Hesse’s Reisen durch Indien geprägt ist… Um die individuelle Suche nach Erfüllung in der Spiritualität ausserhalb der Gesellschaft. Vor gewissen Ereignissen wie dem Tod, der laut Hesse ja nicht einmal das Ende des rufenden Lebens ist, steht jeder Mensch allein. Der Abschiedsschmerz ist nichts schlechtes, doch soll er nicht lähmen und die Entwicklung auf den Schienen des Lebens aufhalten. Hesse will Hoffnung geben, als auch vor Stagnation warnen und nicht zuletzt uns einen Weg zeigen, der nur in eine Richtung geht: nach Oben.

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